Ist Technikverweigerung die Lösung?

Veröffentlicht am: 5. März 2014 Autor: Ralf Koenzen Veröffentlicht in Technologie, Trends Keine Kommentare

Der Dichter und Intellektuelle Hans Magnus Enzensberger fand am Wochenende in der FAZ drastische Worte im Kampf gegen die digitale Überwachung. Wegwerfen! Ausschalten! Verweigern! Zurück in eine Welt ohne EC-Karten, Handys, Online-Shopping. Kurz: zurück in die Ära Pre-Internet, zurück zur guten alten Telefonzelle.

Doch ist das – ernsthaft – die Lösung? Müssen wir soweit gehen? Oder reicht es nicht im ersten Schritt aus, ein wenig kritischer mit vielen Angeboten und Medien umzugehen, uns selbst zur Datensparsamkeit zu erziehen? Genau abzuwägen, ob das vermeintlich kostenlose Angebot nicht einfach in einer Währung – nämlich unseren Daten – bezahlt wird, die unseren Geldbeutel auf den ersten Blick nicht belastet? Ob es Abhängigkeiten schafft, die sich später wieder schwer auflösen lassen?

Ich persönlich bin alles andere als ein Technikfeind. Im Gegenteil: ich bin technikbegeistert!  Die Möglichkeiten, die der technologische Fortschritt bietet, faszinieren mich, manche neuen Geschäftsmodelle sind so simpel und einleuchtend, dass ich mich wundere, dass man nicht schon viel früher darauf gekommen ist. Aber ich bin gleichzeitig fest davon überzeugt, dass nicht alles, was technisch möglich ist, auch gemacht werden sollte. Dass eine Abwägung von Nutzen und Risiko selbstverständlich sein sollte.

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie unkritisch zum Beispiel viele Menschen die Steuerung wichtiger Funktionen zu Hause einfach so in die Cloud legen. Angefangen bei der Heizung, über die elektrischen Rollläden bis hin zu Alarm- und Überwachungssystemen. Ohne zu hinterfragen, wer genau hinter dem Angebot steckt, welches Recht dort gilt, und ob das Angebot überhaupt ausreichend abgesichert ist. Ob es anfällig für Missbrauch ist – oder im Extremfall sogar zur Waffe werden kann, indem wir einfach „abgeschaltet“ werden. Und ob das Angebot das Leben wirklich sinnvoll bereichert.

Technologischer Fortschritt und verantwortliches Handeln gehören unweigerlich zusammen.  Ebenso bin ich fest davon überzeugt, dass es dem technikaffinen Menschen zuzumuten ist, dass er sich mit Themen wie Sicherheit, Vertraulichkeit und Datenschutz beschäftigt und für sich individuell – aber stets bewusst! – definiert, wie hoch sein Schutzbedürfnis ist und die entsprechenden Maßnahmen ergreift. Denn auch wenn zum Beispiel Verschlüsselung für viele zunächst kompliziert klingt, sie ist effektiv und oft leichter umzusetzen, als gedacht.

Und es geht auch gänzlich unkompliziert. Ein sympathischer Ansatz ist das tragbare Funkloch, das der Berliner Künstler Aram Bartholl bereits vor zehn Jahren ersonnen hat. Eine Handy-Verstecktasche, die bei eingeschalteten Geräten den Empfang der Funksignale verhindert und damit eine Ortung unmöglich macht. Damals hätte man ihn angesichts seiner Erfindung – und der dahinter liegenden Angst vor Überwachung – vermutlich als Verschwörungstheoretiker abgetan. Heute wissen wir, dass er seiner Zeit einfach nur ganz weit voraus war. Ein echter Visionär.

Was ich damit sagen will? Wir sollten uns an den Möglichkeiten der Technik erfreuen! Wir sollten aber gleichzeitig bewusst mit Technologie, mit Diensten, mit dem Internet umgehen. Und wir sollten vor dem Hintergrund der vielfältigen Bedrohungen nicht kapitulieren, sondern uns ernsthaft wehren – wie dies auch Herr Enzensberger fordert. Aber eben nicht durch Technikverweigerung, sondern durch Datensparsamkeit, durch die Nutzung vertrauenswürdiger Angebote und den Einsatz von Sicherheitstechnologien, die es uns auch in der Zukunft ermöglichen, ohne Angst vernetzt durchs Leben zu gehen.

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