Weltfunkkonferenz: Es geht um die Zukunft von WLAN!

Veröffentlicht am: 5. November 2019 Autor: Ralf Koenzen Veröffentlicht in Netzpolitik, Technologie Keine Kommentare

Update nach Ende der Konferenz:

Mit extrem umfangreichen Forderungen war die Mobilfunkindustrie in die WRC 2019 gestartet. Besondere Sorge hatten wir als WLAN-Hersteller, das 6 GHz-Band an 5G zu verlieren. Schließlich setzen wir uns schon seit langer Zeit dafür ein, dass Teile dieses Bandes in der EU schon bald für die lizenzfreie Nutzung – und damit auch für Wireless LAN – freigegeben werden. Glücklicherweise wurde diese Forderung abgelehnt. Das freut uns natürlich sehr, und unser Dank gilt den Delegierten nicht zuletzt aus Europa, die damit eine in unseren Augen richtungsweisende Entscheidung getroffen haben. Wenn alles gut geht, dürfen wir uns vielleicht bereits Ende 2020 über neue WLAN-Frequenzen freuen.
Aber auch die Kulturschaffenden können – zumindest vorerst – aufatmen: Ihnen drohte akut der Verlust des 600 MHz-Bandes, das heute auf Veranstaltungen und Konzerten jeder Art für die störungsfreie drahtlose Übertragung von Ton genutzt wird. Die Motivation auch hier: zusätzliches Spektrum für 5G-Anwendungen bereitzustellen. Auch wenn die Forderung nicht ganz vom Tisch ist, wurde die Entscheidung über eine etwaige „Umwidmung“ für den Mobilfunk nicht voreilig getroffen und immerhin wieder dorthin verschoben, wo sie eigentlich auf der Agenda stand: auf die Weltfunkkonferenz 2023. Das heißt: vier Jahre mehr Zeit für die Akteure rund um „SOS – Save our Spectrum“, um mit Hilfe von Studien zu belegen, dass die Frequenzen effektiver von Kultur und Medien genutzt werden können als durch 5G. Wir drücken die Daumen, dass es klappt!

WRC-19. Es klingt kryptisch, ist aber weder die Abkürzung für ein Firmware-Update noch die Produktbezeichnung für irgendwelche Hardware. Trotzdem ist sie besonders wichtig für unsere technologische Zukunft.

Das Kürzel steht für die Weltfunkkonferenz 2019. Doch so unbekannt dieses Zusammentreffen von aktuell etwa 3.000 Frequenz- und Regulierungsexperten aus der ganzen Welt außerhalb von Fachkreisen auch sein mag, so bedeutend ist sie für alle. Denn seit mehr als 100 Jahren ist die „World Radio Conference“ der Dreh- und Angelpunkt für die Verteilung von Frequenzspektren. Und somit besonders wichtig für neue Mobilfunk- und WLAN-Technologie.

5G, wohin das Auge blickt

Seit einer Woche läuft die WRC-19 im ägyptischen Sharm El Sheik. Bis Ende November wird darüber beraten, wie es in Sachen Frequenzzuteilung weitergeht. Und, wen wundert’s: Das dominierende Thema ist 5G.

Abgezeichnet hatte sich dies bereits in den vergangenen Monaten. Mit immer größerer Vehemenz fordert die Mobilfunkindustrie neue Frequenzen für den Ausbau von 5G – und das, obwohl die nächste Mobilfunkgeneration erst jüngst mit neuen Frequenzblöcken versorgt wurde. Zudem sind in den meisten Ländern der Welt, wenn überhaupt, bislang nur vereinzelt 5G-Funkmasten in Betrieb.

Aktuell stehen für die drei aktuellen Standards von Mobilfunknetzen in Deutschland bereits mehrere verschiedene Frequenzbereiche zur Verfügung, die in den vergangenen Jahren immer weiter ausgebaut wurden. Das reicht anscheinend nicht, sieht man die neuste, sehr ambitionierte Forderung. Konkret geht es diesmal nämlich um einen gigantischen Frequenzblock von 6 bis 24 GHz, den man sich gerne für künftige Mobilfunkanwendungen sichern möchte. Zum Vergleich: Normalerweise wird im Bereich von einigen hundert Megahertz verhandelt.

Wildern in fremdem Terrain

Aus unserer Sicht besonders kritisch ist jedoch nicht der offenbar schier unersättliche Frequenzhunger der Mobilfunker, sondern die Forderung nach einem ganz bestimmten Band: 6 GHz. Denn genau dieses Band soll eigentlich über eine sogenannte Allgemeinzuteilung für die lizenzfreie Nutzung freigegeben werden. Sowohl in den USA als auch bei uns in Europa laufen die entsprechenden Verfahren bereits und sind weit fortgeschritten. Die Forderung nach dem 6 GHz-Band für den Mobilfunk gleicht damit fast schon einem Wildern in fremden Terrain.

Lizenzfreies Spektrum ist von erheblicher Bedeutung für ganz viele Funktechnologien und -produkte, die aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken sind. Von der Funkfernbedienung über die Mikrowelle bis zum WLAN und zahlreichen IoT-Funkstandards: Sie alle sind von den kostenlos nutzbaren Bändern abhängig.

Gigantische Chance für alle

Zum ersten Mal seit 2004 besteht die reelle Chance, diese lizenzfreien Bänder zu erweitern. Von derzeit insgesamt knapp 500 MHz, verteilt auf die vielen WLAN-Nutzern bekannten Bänder 2,4 und 5 GHz, auf insgesamt rund 1 GHz hier in Europa und sogar rund 1,5 GHz in den USA.

Was wir damit machen könnten, wäre großartig. Laut einer Studie des Chip-Herstellers Broadcom könnte die Öffnung des 6 GHz-Bandes die Bandbreiten des neusten WLAN-Standards Wi-Fi 6 mehr als verdoppeln und gleichzeitig die Latenzen mehr als halbieren. Damit wären einerseits Highdensity-Anwendungen mit noch größerer Leistung und Stabilität realisierbar und andererseits würde WLAN zur kostengünstigen Alternative für Echtzeitanwendungen wie Virtual Reality und vernetzter Produktion. Kurz: WLAN wäre ultimativ fit für eine noch breitbandigere Zukunft. Es würde sich weiter als eine der wesentlichen drahtlosen Schlüsseltechnologien für den digitalen Wandel etablieren!

Vorausgesetzt, die Mobilfunkindustrie kann sich mit ihren Forderungen nicht durchsetzen.

Konzerte ohne Ton?

Und es geht um weit mehr als die Zukunftsfähigkeit von WLAN: Für Kulturschaffende hierzulande könnte die WRC zur echten Überlebensfrage werden. Denn bei fast allen Kulturveranstaltungen – ganz unabhängig davon, ob es sich um die Vorstellung im Stadttheater oder um Pop-Konzerte mit Zehntausenden Fans handelt – kommen heute Funkmikrofone (im Fachjargon: drahtlose Produktionsmittel) zum Einsatz. Und auch diese brauchen Frequenzen.

Hier genau liegt das Problem: Bereits in den vergangenen Jahren sind hierzulande die für Funkmikrofone verfügbaren Bandbreiten eingeschränkt worden. Der Platz musste für LTE und UMTS geräumt werden. Es blieben nur noch wenige Ausweichmöglichkeiten, um störungsfrei zu senden. Doch die stehen jetzt ebenfalls unter Beschuss.

Auf der Weltfunkkonferenz droht ganz konkret eine Umwidmung des 600 MHz-Bandes für den Mobilfunk. Entsprechend alarmiert zeigte sich Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, in einem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland: „Wenn der Abbau an Frequenzen nicht gestoppt wird, ist die Funktionsfähigkeit von Kultureinrichtungen in Deutschland in Gefahr.“

Alles eine Frage des Geldes?

Es entsteht der Eindruck, dass die Frequenzpolitik in weiten Teilen der Welt nur eine Größe kennt: den Mobilfunk und ganz besonders 5G. Anders ist kaum zu erklären, warum die Frequenzbedürfnisse vieler alltäglicher Technologien auf der Weltfunkkonferenz nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Doch vielleicht ist das alles auch einfach nur eine Frage des Geldes? Immerhin lassen sich mit der Versteigerung von exklusiven Frequenzen für die Mobilfunkindustrie Milliarden einnehmen. Gelder, die in vielen Staaten willkommen sind. Auch hierzulande hat man sich über die insgesamt 6,55 Mrd. Euro aus der letzten Frequenzversteigerung ganz sicher gefreut.

Umdenken dringend nötig

Möchte die Weltfunkkonferenz nicht den Eindruck wecken,dass sie nur noch eine „Gelddruckmaschine“ für klamme Staatshaushalte – oder wahlweise Erfüllungsgehilfe weniger Großkonzerne – ist, wäre es dringend an der Zeit, dass die Delegierten umdenken. Mit derselben Vehemenz, wie sie sich für weiteres 5G-Spektrum einsetzen, müssten sie die Interessen derjenigen vertreten, die von Allgemeinzuteilungen abhängig sind. Immerhin sprechen wir alleine in Europa von hunderten von Millionen privater WLAN-Nutzern, Hunderttausenden von Unternehmen, für die WLAN heute zur geschäftskritischen Infrastruktur gehört und einem Kulturbetrieb, auf den wir nicht ohne Grund stolz sind.

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